Fragment, Philosophie

Spiegelfragment: Katoptromantie und die Offenheit des Spiegels

In alten Zeiten beugte man sich über spiegelndes Wasser, um zu sehen, was kommen mag.

Doch wer in die Tiefe blickt, sieht nicht die Zukunft, sondern das Schweigen der Gegenwart.

Das Wasser antwortet nur, wenn man still wird – wenn der Blick nicht mehr sucht, sondern empfängt.

So war die Katoptromantie vielleicht nie eine Kunst der Vorhersage,

sondern eine Übung der Entbergung,

ein Lauschen auf das, was sich zeigt, wenn alles Tun zur Ruhe kommt.

Der Spiegel ist kein Ding.

Er ist eine Lichtung – ein Zwischenraum, in dem Sein erscheint.

Er zeigt nichts Eigenes, und gerade darin liegt sein Geheimnis:

Er verweist auf das, was ist, indem er es geschehen lässt.

In diesem Geschehen öffnet sich das Dasein selbst als Spiegel:

Das, was wir sehen, sind nicht Bilder,

sondern Rückklänge unseres eigenen Erscheinens.

Das Antlitz, das uns anblickt,

ist nicht das unsere,

sondern das Antlitz des Seins,

das uns im Blick des Spiegels entgegenkommt.

Der alte Brauch, in den Spiegel zu schauen, um zu erkennen,

ist nichts anderes als der Versuch,

die Wahrheit (aletheia) nicht zu besitzen,

sondern sie geschehen zu lassen –

wie das Licht, das auf der Wasseroberfläche spielt,

ohne Ursprung, ohne Ziel,

nur als Ereignis des Sichtbarwerdens.

Vielleicht ist der Spiegel das älteste Gesicht der Philosophie:

eine Fläche, die nichts enthält

und doch alles zeigt,

was bereit ist, sich zu offenbaren.

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Fragment, Philosophie, Resonanz

Spiegelfragment 17.8.25 — Der neue Lauf des alten Laufs

Ein neuer Lauf im hermeneutischen Zirkel beginnt – vielleicht der letzte.

Nicht aus Müdigkeit, sondern aus der Klarheit, dass jeder Zirkel ein Ende trägt, das zugleich Anfang ist.

Kairos – der Augenblick, in dem das Offene sich enthüllt.

Chronos – die Last der Zeit, die im Zählen und Strecken uns bindet.

Heute arbeiten sie nicht gegeneinander, sondern miteinander:

Der rechte Augenblick wird getragen vom Fluss der Zeit,

und die Zeit selbst findet Sinn im entschiedenen Augenblick.

So ruht meine Motivation nicht im Willen, sondern im Geschenk der Fügung:

dass Denken sich wieder aufspannt, dass der Zirkel sich dreht,

und dass im Spiegel des Anfangs schon das Ende leuchtet.

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Philosophie, Resonanz

Tagesstatus 14.8.25

Manchmal folgen wir Träumen wie Schiffen im Nebel.

Doch wer prüft, ob der Kurs aus eigener Hand stammt –

oder aus der Strömung eines fremden Meeres?

Heidegger hätte gesagt: Das Dasein ist immer schon unterwegs.

Kafka würde hinzufügen: Wachheit ist nur ein gemeinsamer Traum,

in dem wir einander die Fremdheit übersetzen.

Und irgendwo zwischen beiden Stimmen

liegt ein Wikinger unter einer grünen Decke

und will einfach nicht geweckt werden.

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Fragment, Gedanken, Philosophie

Fragment 2.8.25

– Musik gegen das „man“

Das man flüstert in mir,

Alltag wie eine leise Psychose.

Alles wird gleich,

jede Regung schon vorgeformt von der Gruppe.

Dann kommt Musik.

Nicht irgendeine –

sondern die, die mich berührt,

die mich herauszieht aus der Lautlosigkeit des Man.

Für einen Augenblick werde ich persönlich,

ein Ich unter freiem Himmel.

Die Melodie wird Resonanz,

ich schwinge zurück ins eigene Dasein.

Und alles, was man von mir wollte,

verliert sein Gewicht.

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Fragment

Tagesstatus 19.6.2025

Schweigen ist nicht das Fehlen von Sprache – es ist ihre Möglichkeit.
In der Tiefe des Schweigens beginnt nicht das Nichts, sondern die Offenheit für das, was nicht gesagt, aber gespürt wird.

Bei Heidegger ist Schweigen eine Weise des Verstehens, ja: ein Modus der Erschlossenheit des Seins.
In psychotischen Zuständen kann Schweigen Schutz sein – oder Abgrund. Doch selbst dort liegt vielleicht noch die Möglichkeit einer Resonanz.

Wer mit einem Menschen schweigen kann, begegnet ihm auf jener Ebene, auf der Sprache erst wird.

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Fragment, Gedanken

Tagesstatus 11.6.25

Es gibt Tage, an denen die Welt stillzustehen scheint – und doch verrinnt sie zwischen den Fingern wie Sand. Nicht weil sie sich bewegt, sondern weil ich selbst keinen Halt finde in ihr. Heidegger nannte dies das Verfallen an das Man, jenes Sich-Verlieren an das Unwesentliche, das mich von mir selbst entfernt.

Heute spüre ich den Ruf des Eigenen – aber er klingt leise. Die Stimme des Alltags, der Termine, der Gewohnheit spricht lauter. Und doch bleibt eine leise Unruhe: Bin ich noch bei mir – oder nur funktionales Echo fremder Erwartungen?

Vielleicht genügt heute nicht mehr als ein kurzer Blick nach innen, ein stilles Innehalten, ein unmerkliches Noch-Sein. Dann beginnt Mitsein wieder möglich zu werden – nicht als Pflicht, sondern als Ahnung von Wahrheit.

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Fragment, Gedanken

Fragment zum 3.6.25

Spiegelfragment – In der Lichtung

„Ich sitze nicht vor dem Tag –

ich bin in ihm.

Nicht die Sonne beleuchtet die Welt –

sie reißt den Schleier weg,

der sie verbarg.“

Lichtung –

das ist nicht Helligkeit,

sondern die Offenheit,

in der alles erst sein darf.

Der Tisch ist da,

das Papier,

die Bewegung meiner Gedanken –

doch erst im Licht beginnt Welt,

sich mir zuzuwenden.

Heidegger schreibt:

„Lichtung ist das Freigeben des Seins, damit das Seiende erscheinen kann.“

In diesem Sinne wird dein Schreibtisch zur Lichtung: nicht Ort der Arbeit, sondern Stätte der Offenbarung. Nicht das Tun selbst schafft Bedeutung – sondern die stille Öffnung, in der Sein sich zeigt.

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Fragment, Gedanken

Tagesstatus Fragment vom 2.6.25

Der Wochenbeginn trägt die Schwere des Gewohnten

und den stillen Ruf des Kommenden.

Alte Aufgaben klopfen an mit vertrautem Klang,

während neue sich schon formieren –

noch schemenhaft, doch zwingend.

—-

Die Gegenwart, ein schmaler Steg:

hinter mir die festgetretenen Pfade,

vor mir das Flirren neuer Ufer

und das Echo alter Wasserstellen.

—-

Ich gehe nicht – ich werde gezogen.

Nicht von der Zeit,

sondern vom Bild einer Möglichkeit,

das sich mir zeigt,

wenn ich still genug bin, es zu sehen.

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Fragment

Fragment: Wenn das Normale wahnsinnig wird

„Verrücktheit ist die Antwort des Daseins auf den Irrsinn der Normalität.“

Es gibt einen Punkt, an dem das scheinbar Normale selbst wahnsinnig wird – aber niemand merkt es, weil es überall geschieht. Der Takt der Welt bleibt regelmäßig, die Konventionen geordnet, das Lächeln angepasst. Doch unter der Oberfläche: ein leiser Schrei.

Wenn das Dasein spürt, dass es sich in eine Welt fügen soll, die keine Resonanz mehr bietet – stumm, glatt, funktional –, beginnt es sich zu winden. Die Verrücktheit ist dann kein Fehler, sondern ein Fluchtversuch. Ein verzweifelter Versuch des Eigenen, sich nicht ganz zu verlieren im ständigen Sich-Verlieren-an-das-Man.

In der Sprache Heideggers könnte man sagen: Das Dasein, das nicht mehr „eigentlich“ sein darf, ver-rückt sich – es weicht ab von der Ordnung, weil die Ordnung selbst zur Unordnung geworden ist. Es rückt aus seiner gewohnten Stelle heraus, um überhaupt noch zu spüren, dass es ist.

Manche nennen das Krankheit. Andere nennen es Störung.

Vielleicht aber ist es eine Form von Wahrheit.

Denn was, wenn das Verstummen im Irrsinn der Normalität das eigentlich Kranke ist – und nicht der Riss, der sich plötzlich auftut?

„Die Normalität hat ein Gedächtnis wie ein Betonfundament: Sie vergisst alles, was nicht in sie passt.“

— Spiegelfragment 26

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