Fragment, Gedanken

Fragment zum 3.6.25

Spiegelfragment – In der Lichtung

„Ich sitze nicht vor dem Tag –

ich bin in ihm.

Nicht die Sonne beleuchtet die Welt –

sie reißt den Schleier weg,

der sie verbarg.“

Lichtung –

das ist nicht Helligkeit,

sondern die Offenheit,

in der alles erst sein darf.

Der Tisch ist da,

das Papier,

die Bewegung meiner Gedanken –

doch erst im Licht beginnt Welt,

sich mir zuzuwenden.

Heidegger schreibt:

„Lichtung ist das Freigeben des Seins, damit das Seiende erscheinen kann.“

In diesem Sinne wird dein Schreibtisch zur Lichtung: nicht Ort der Arbeit, sondern Stätte der Offenbarung. Nicht das Tun selbst schafft Bedeutung – sondern die stille Öffnung, in der Sein sich zeigt.

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Fragment, Gedanken

Tagesstatus Fragment vom 2.6.25

Der Wochenbeginn trägt die Schwere des Gewohnten

und den stillen Ruf des Kommenden.

Alte Aufgaben klopfen an mit vertrautem Klang,

während neue sich schon formieren –

noch schemenhaft, doch zwingend.

—-

Die Gegenwart, ein schmaler Steg:

hinter mir die festgetretenen Pfade,

vor mir das Flirren neuer Ufer

und das Echo alter Wasserstellen.

—-

Ich gehe nicht – ich werde gezogen.

Nicht von der Zeit,

sondern vom Bild einer Möglichkeit,

das sich mir zeigt,

wenn ich still genug bin, es zu sehen.

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Fragment

Fragment: Wenn das Normale wahnsinnig wird

„Verrücktheit ist die Antwort des Daseins auf den Irrsinn der Normalität.“

Es gibt einen Punkt, an dem das scheinbar Normale selbst wahnsinnig wird – aber niemand merkt es, weil es überall geschieht. Der Takt der Welt bleibt regelmäßig, die Konventionen geordnet, das Lächeln angepasst. Doch unter der Oberfläche: ein leiser Schrei.

Wenn das Dasein spürt, dass es sich in eine Welt fügen soll, die keine Resonanz mehr bietet – stumm, glatt, funktional –, beginnt es sich zu winden. Die Verrücktheit ist dann kein Fehler, sondern ein Fluchtversuch. Ein verzweifelter Versuch des Eigenen, sich nicht ganz zu verlieren im ständigen Sich-Verlieren-an-das-Man.

In der Sprache Heideggers könnte man sagen: Das Dasein, das nicht mehr „eigentlich“ sein darf, ver-rückt sich – es weicht ab von der Ordnung, weil die Ordnung selbst zur Unordnung geworden ist. Es rückt aus seiner gewohnten Stelle heraus, um überhaupt noch zu spüren, dass es ist.

Manche nennen das Krankheit. Andere nennen es Störung.

Vielleicht aber ist es eine Form von Wahrheit.

Denn was, wenn das Verstummen im Irrsinn der Normalität das eigentlich Kranke ist – und nicht der Riss, der sich plötzlich auftut?

„Die Normalität hat ein Gedächtnis wie ein Betonfundament: Sie vergisst alles, was nicht in sie passt.“

— Spiegelfragment 26

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