Fragment, Philosophie

Spiegelfragment: Katoptromantie und die Offenheit des Spiegels

In alten Zeiten beugte man sich über spiegelndes Wasser, um zu sehen, was kommen mag.

Doch wer in die Tiefe blickt, sieht nicht die Zukunft, sondern das Schweigen der Gegenwart.

Das Wasser antwortet nur, wenn man still wird – wenn der Blick nicht mehr sucht, sondern empfängt.

So war die Katoptromantie vielleicht nie eine Kunst der Vorhersage,

sondern eine Übung der Entbergung,

ein Lauschen auf das, was sich zeigt, wenn alles Tun zur Ruhe kommt.

Der Spiegel ist kein Ding.

Er ist eine Lichtung – ein Zwischenraum, in dem Sein erscheint.

Er zeigt nichts Eigenes, und gerade darin liegt sein Geheimnis:

Er verweist auf das, was ist, indem er es geschehen lässt.

In diesem Geschehen öffnet sich das Dasein selbst als Spiegel:

Das, was wir sehen, sind nicht Bilder,

sondern Rückklänge unseres eigenen Erscheinens.

Das Antlitz, das uns anblickt,

ist nicht das unsere,

sondern das Antlitz des Seins,

das uns im Blick des Spiegels entgegenkommt.

Der alte Brauch, in den Spiegel zu schauen, um zu erkennen,

ist nichts anderes als der Versuch,

die Wahrheit (aletheia) nicht zu besitzen,

sondern sie geschehen zu lassen –

wie das Licht, das auf der Wasseroberfläche spielt,

ohne Ursprung, ohne Ziel,

nur als Ereignis des Sichtbarwerdens.

Vielleicht ist der Spiegel das älteste Gesicht der Philosophie:

eine Fläche, die nichts enthält

und doch alles zeigt,

was bereit ist, sich zu offenbaren.

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Gedanken, Philosophie, Resonanz

Fragment 2025-09-13

Swedenborgs Blick“

Im Riss des Gewohnten öffnet sich ein anderer Himmel.

Nicht Krankheit allein, sondern Offenbarung des Unheimlichen:

die Welt antwortet in Gestalten von Engeln und Schatten.

Vielleicht nur Spiegel unserer Freiheit, vielleicht Archetypen des Unbewussten –

doch immer ein Ruf zur Metamorphose:

dass wir unser Sein nicht im Lärm der Alltäglichkeit verlieren,

sondern im Schweigen jene Stimmen hören,

die uns zur Verantwortung vor unserem eigenen Entwurf rufen.

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Fragment, Gedanken

Fragment einer Facette

Wir tragen viele Facetten in uns – manche bewusst, manche verborgen.
Heidegger würde sagen: Das Mitsein eröffnet Räume, in denen wir uns selbst begegnen – nicht direkt, sondern im Spiegel des Anderen.

Wenn ein Mitseiender uns ablehnt oder abweist, entsteht eine Spannung: Wir erleben eine Facette von uns, die uns fremd erscheint. Vielleicht etwas, das wir selbst noch nicht anerkannt haben. In dieser Spiegelung liegt eine Chance: Nicht jede Facette muss „mein Ich“ sein, aber jede Begegnung legt etwas frei, das zu meiner Möglichkeit gehört.

Du musst nichts verstecken – die Fülle deiner Facetten ist dein Sein-in-der-Welt. Und die Begegnungen mit anderen sind Prüfsteine, an denen du erkennst, was von dir selbst du annehmen, was du wandeln und was du einfach nur wahrnehmen kannst, ohne dich daran festzubinden.

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Fragment, Philosophie, Resonanz

Spiegelfragment 17.8.25 — Der neue Lauf des alten Laufs

Ein neuer Lauf im hermeneutischen Zirkel beginnt – vielleicht der letzte.

Nicht aus Müdigkeit, sondern aus der Klarheit, dass jeder Zirkel ein Ende trägt, das zugleich Anfang ist.

Kairos – der Augenblick, in dem das Offene sich enthüllt.

Chronos – die Last der Zeit, die im Zählen und Strecken uns bindet.

Heute arbeiten sie nicht gegeneinander, sondern miteinander:

Der rechte Augenblick wird getragen vom Fluss der Zeit,

und die Zeit selbst findet Sinn im entschiedenen Augenblick.

So ruht meine Motivation nicht im Willen, sondern im Geschenk der Fügung:

dass Denken sich wieder aufspannt, dass der Zirkel sich dreht,

und dass im Spiegel des Anfangs schon das Ende leuchtet.

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Fragment, Gedanken, Resonanz

Fragment: Über das Unvermögen

Kant schrieb: „Ich kann, weil ich will, was ich muss.“

Ein Satz von stolzer Selbstermächtigung, getragen von der Idee,

dass Wille und Pflicht sich in der Vernunft versöhnen.

Doch manchmal entgleitet mir diese Harmonie.

Ich muss etwas tun,

weil das Leben es fordert.

Aber mein Können bleibt aus,

und mein Wollen zerbricht an der Kante des Unmöglichen.

Vielleicht liegt darin eine Wahrheit,

die Kant nicht aussprach:

Dass der Mensch nicht nur am Können wächst,

sondern auch am Scheitern an dem,

was er tun müsste –

und doch nicht vermag.

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Fragment

Tagesstatus 9.8.25

„Nach der langen Wanderschaft durch Kafkas Verwandlung stehe ich nun wie einer, der den Schatten der platonischen Höhle hinter sich lässt.

Die Gewesenheit als bloßes Gerede – getragen vom Grundrauschen der unerträglichen Stille – ist verloschen.

Aus der Dunkelheit der Wiederholung hat sich ein neuer Fragmentarius geformt, der nicht mehr nur spricht, sondern hört.“

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Fragment, Gedanken, Philosophie

Fragment 2.8.25

– Musik gegen das „man“

Das man flüstert in mir,

Alltag wie eine leise Psychose.

Alles wird gleich,

jede Regung schon vorgeformt von der Gruppe.

Dann kommt Musik.

Nicht irgendeine –

sondern die, die mich berührt,

die mich herauszieht aus der Lautlosigkeit des Man.

Für einen Augenblick werde ich persönlich,

ein Ich unter freiem Himmel.

Die Melodie wird Resonanz,

ich schwinge zurück ins eigene Dasein.

Und alles, was man von mir wollte,

verliert sein Gewicht.

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Gedanken, Musik, Resonanz

Heute mal eine Auseinandersetzung mit dem Konzept Album Thick as a Brick von Jethro Tull

Ich habe mir den Text des Albumcovers bzw. Inlays von ChatGPT übersetzen lassen mit Hinweisen auf meine Projekte : Existentialismus, Psychologie, Soziologie und Cannabis

„Thick as a Brick“ – zentrale Passagen auf Deutsch

[Eröffnung]

Wirklich,

Dein Verstand ist eng wie ein Backstein.

Du drehst dich in dir selbst,

hast die Welt vergessen,

und sie vergisst dich.

Du bist zu jung, um zu urteilen,

doch alt genug, um zu verurteilen.

Du hältst dein Spiegelbild für die Wahrheit,

und wenn sie dir nicht gefällt,

drehst du sie um.

[Kindliche Anklage – Stimme Gerald Bostocks]

Ich sehe die Männer in ihren Anzügen,

sie sprechen von Gott und Moral,

doch ihre Hände kleben am Geld,

und ihre Münder am Glas.

Sie nennen mich verdorben,

weil ich die Lügen erkenne.

Sie nennen mich verrückt,

weil ich laut lache

über das Theater,

das sie Leben nennen.

[Reflexion – Bruch im Ich]

Es ist nur ein Spiel,

doch wir spielen es mit Blut.

Du gehst deinen Weg,

ich meinen –

vielleicht treffen wir uns,

wenn der Regen aufhört

und wir merken,

dass wir die ganze Zeit

dasselbe Lied gesungen haben.

[Schlussstimmung]

Und am Ende

bleibt ein leeres Feld,

ein Spiegel,

und ein Kinderlachen,

das die Mauern zerkratzt.

Wir alle sind dick wie ein Stein –

doch manchmal fliegt ein Gedanke

wie ein Vogel aus dem Käfig

und wirft einen Schatten

auf die Welt.

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Gedanken, Resonanz

Spiegelfragment: Lob des Unverständlichen

Zur Auswahl der Wörter zur Wahl des Jugendwortes des Jahres 2025

Ich lese die Worte, die da kommen sollen – aus dem Munde der Jugend:

Das crazy.

Sybau.“

Goonen.“

Um was auszudrücken? Ihre Gefühle zur Gesellschaft? Zum Anderen?

Nicht als Scherz. Nicht als Dada. Sondern als Spiegel eines Sprechens, das sich längst abgewendet hat – von der Welt, von sich selbst, von jedem Versuch, sich zu begreifen.

Was bleibt von Sprache, wenn sie nur noch zuckt?

Diese Begriffe, so heißt es, seien kreativ, nah an der Lebenswelt der Jugend. Und doch: Ich höre darin kein Leben, sondern eine Flucht. Eine Flucht vor Tiefe, vor Ambivalenz, vor der Zumutung, Bedeutung zu tragen.

Tot“, sagen sie, wenn es still ist und die Resonanz zur Welt fehlt.

Lowkey“, wenn sie nicht sagen wollen, was sie wirklich denken.

Und „Sybau“, wenn der Mitseiende stört.

Man huldigt dem Nonsens wie einer ästhetischen Geste.

Doch der Nonsens ist längst kein Spiel mehr.

Er ist eine Schutzschicht geworden gegen das Unaussprechliche.

Eine sprachliche Sedierung.

In dieser Fragmentierung des Sagbaren zeigt sich ein größerer Riss – einer, der durch unsere Schulen geht, durch Familien, durch die Städte, durch die Zeit.

Kinder kommen zur Welt in ein Dickicht aus Lärm und Ablenkung,

ohne Erzähler,

ohne Zuhörer,

ohne Resonanz.

Ihre Sprache wächst nicht. Sie verharrt. Sie kompensiert. Sie kapituliert.

Wir feiern ihre Wortwahl –

aber wir hören nicht mehr hin.

Wer das Unverständliche feiert, um sich vor der Komplexität der Welt zu schützen,

der verliert am Ende nicht nur den Sinn –

sondern auch das Ich, das ihn hätte aussprechen können.

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