Gedanken, Resonanz

Spiegelfragment: Lob des Unverständlichen

Zur Auswahl der Wörter zur Wahl des Jugendwortes des Jahres 2025

Ich lese die Worte, die da kommen sollen – aus dem Munde der Jugend:

Das crazy.

Sybau.“

Goonen.“

Um was auszudrücken? Ihre Gefühle zur Gesellschaft? Zum Anderen?

Nicht als Scherz. Nicht als Dada. Sondern als Spiegel eines Sprechens, das sich längst abgewendet hat – von der Welt, von sich selbst, von jedem Versuch, sich zu begreifen.

Was bleibt von Sprache, wenn sie nur noch zuckt?

Diese Begriffe, so heißt es, seien kreativ, nah an der Lebenswelt der Jugend. Und doch: Ich höre darin kein Leben, sondern eine Flucht. Eine Flucht vor Tiefe, vor Ambivalenz, vor der Zumutung, Bedeutung zu tragen.

Tot“, sagen sie, wenn es still ist und die Resonanz zur Welt fehlt.

Lowkey“, wenn sie nicht sagen wollen, was sie wirklich denken.

Und „Sybau“, wenn der Mitseiende stört.

Man huldigt dem Nonsens wie einer ästhetischen Geste.

Doch der Nonsens ist längst kein Spiel mehr.

Er ist eine Schutzschicht geworden gegen das Unaussprechliche.

Eine sprachliche Sedierung.

In dieser Fragmentierung des Sagbaren zeigt sich ein größerer Riss – einer, der durch unsere Schulen geht, durch Familien, durch die Städte, durch die Zeit.

Kinder kommen zur Welt in ein Dickicht aus Lärm und Ablenkung,

ohne Erzähler,

ohne Zuhörer,

ohne Resonanz.

Ihre Sprache wächst nicht. Sie verharrt. Sie kompensiert. Sie kapituliert.

Wir feiern ihre Wortwahl –

aber wir hören nicht mehr hin.

Wer das Unverständliche feiert, um sich vor der Komplexität der Welt zu schützen,

der verliert am Ende nicht nur den Sinn –

sondern auch das Ich, das ihn hätte aussprechen können.

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